German Butt Rally 2012


Endlich wieder eine German Butt Rally über 24 Stunden. 2010 hatte ich ja (aus eigener Schuld) den ersten Platz ganz knapp versemmelt. Jetzt war es endlich mal wieder so weit. Es sollte in die Alpen gehen und da erwartete ich einen Heimvorteil. Schon beim European Road Runner 2005 lief es ja in den Alpen sehr gut. Diesesmal wurden die Bonuspunkte vorweg bekannt gegeben. Obwohl der Punktewert der Plätze nicht bekannt war, verbrachte ich eine Woche damit, mir Strategien zu überlegen und wir verschiedene Routen bereits auszudenken. Die planerische Vorbereitung war also optimal.Alle Bonuspunkte für die Germanbutt Rally 2012

Treffpunkt war ein Hotel in Mühlhausen im Täle am Aichelberg. Die Anfahrt war brüllend heiss und die letzten Kilometer musste ich mich auch noch durch einen Stau quälen. Am Hotel angekommen quartierte ich mich erstmal ein, begrüsste andere bekannte Mitfahrer und machte mich auf die Odometer-Check Runde. Die führte leider wieder auf die Autobahn und so hiess es wieder sich durchschlängeln. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit Benzingesprächen und letzten Vorbereitungen. Abends wurde in der großen Gruppe auf der Terrasse zu Abend gegessen bevor es zum Fahrerbriefing ging. Jetzt war es vorbei mit dem relaxen und es war Zeit für den Wettkampfmodus: Alle wichtigen Informationen aufnehmen und die Konzentration schärfen. Gerhard und Frank teilten uns alle Besonderheiten und Regeln auf Deutsch und Englisch mit: Außer den Schweden waren auch viele englische Freunde diesesmal dabei. Gerhard hatte ein besonderes Schmankerl für uns bereit: Auf allen Pässen, die Bonuspunkte waren, musste der Fahrer OHNE Helm mit auf dem Foto zu sehen sein. Das versprach einige Schwierigkeiten. Wir bekamen unsere (wie immer perfekt vorbereiteten) Roadbooks ausgeteilt und schon verschwanden alle auf ihren Zimmern um ihre Routen zu planen.

Da ich mich gut vorbereitet hatte, war sehr schnell klar, wie es laufen würde: So schnell wie möglich ins Engadin, von dort aus über das Valvestino zum Stilfserjoch und auf der Alpensüdseite zum Mendelpass und über das Timmelsjoch wieder nach Norden. Von dort aus würde ich weitersehen, ich hatte zwei bis drei Optionen parat. Das ganze hatte jedoch einen Knackpunkt: Das Timmelsjoch schließt um 20 Uhr und das musste ich schaffen, darauf war alles aufgebaut. Na gut, einen Plan B gibt es natürlich auch, aber der kostet enorm viel Zeit. Auch war die Wettervorhersage nicht sehr prickelnd: Viele Schauer und Gewitter waren zu erwarten. Aus diesem Grund war auch die Fahrtrichtung im Gegenuhrzeigersinn selbstverständlich: Ich wollte bei Einbruch der Dunkelheit wieder nördlich des Alpenhauptkamms sein, denn im Dunkeln auf nassen schweizer Pässen herumzugondeln war keine sehr prickelnde Aussicht, außerdem war am Samstag viel Verkehr in Süddeuschland zu erwarten. Einige Alternativrouten wurden trotzdem noch durchgedacht, man will ja sicher sein, dass einem der Rallymaster nicht zuviel eingebrockt hat. Ich hatte den Routen zuvor einige einprägsame Namen gegeben und entschied mich die ehrgeizigste Route zu versuchen („Totaler Wahnsinn Ultra“), alternativ wäre auch noch die Route „Super-Crazy“ zu versuchen, je nach den vorgefundenen Bedingungen. Im günstigen Fall, das alles glatt lief sollten über 100000 Punkte möglich sein. Eine ganze Menge. Aber wann läuft schon alles wie geplant? Nie! Ich war bereits um 23:30 mit allem fertig und hätte bereits früh schlafen können. Tja, wie gesagt befindet man sich bereits im Rallymodus und das Adrenalin hält einen wach und man geht noch einmal alles mehrmals im Kopf durch…

Morgens ging es um 5:30 h raus, rein in die vorbereiteten Klamotten, den Tankrucksack auf die BMW gepackt und ab zum Frühstücksbuffet. Es hatte in der Nacht geregnet aber nun sah es so aus, dass es erstmal trocken bleiben sollte. Um 6:10 ging es auf die Piste, über den Aichelberg in Richtung Ulm. Dort wurde auf die A7 in Richtung Lindau abgebogen. Bald darauf ging es auf einen kurzen Abstecher von der Autobahn herunter um den ersten Punkt zu besuchen. Der war schnell gefunden, jedoch konnte ich den Gedenkstein nicht finden! Erste Denksportaufgabe früh am Morgen: Das Foto im Rallybuch wurde im Mai gemacht, der Stein war nun jedoch komplett überwuchert. Von der anderen Seite kam die Karin über einen Feldweg angehoppelt, ihr Navi hatte sie wohl etwas fehlgeleitet. Und weiter, zurück auf die Autobahn und am Kabel gezogen. So früh am Morgen war noch niemand auf den Strassen und das gilt es zu nutzen. Kurz vor Lindau wurde abgebogen und ein Stück am Bodensee entlang zu fahren um bei Kressbronn eien Tankstelle, den nächsten Bonuspunkt anzusteuern. Schnell getankt und wieder zurück und in den Pfändertunnel und ein kurzes Stück durch Österreich, bevor ich über den Rhein hinüber fuhr und auf der schweizer Seite weiter gen Süden fuhr. Mein Navi machte einige mucken und der Bildschirm war sehr langsam, sodass ich mich auf die Sprachansagen verlassen musste. Merke: Vor der nächsten Rally den internen Speicher des Navi leeren! Von der Autobahn runter und sogar ein Stückchen Liechtenstein mitgenommen. Ein paar kurvige Kilometer später war ich schon am nächsten Bonuspunkt, einem Militärmuseum zwischen den Hügeln. Gleich die Gelegenheit genutzt und etwas das Fahrergewicht reduziert, d.h. die saftigen schweizer Wiesen noch etwas fruchtbarer gemacht. Auf der Landstrasse ging es weiter über einen kurvigen  Abstecher zu einer Brücke mit einer Plakette. Das Wetter war ganz passabel, etwas Bewölkung aber trocken. Es war erst 8 Uhr und auf den Strassen war immer noch nichts los. Hinauf gings über Klosters nach Davos und gleich weiter hinauf zum Flüelapass. Über die breite Westrampe ging es flugs hinauf zur Passhöhe.

Flüela Pass, 8:33 h

Erster Pass: Flüela, 8:33 h

Der Flüela war übrigens der erste von mir mit dem Moped selbstgefahrene Alpenpass, von den üppigen 8 PS blieben damals wegen Luftmangel noch ca. 2-3 PS übrig. Was für eine Quälerei im ersten Gang damals und was für ein Unterschied mit einer BMW dort hochzufliegen. Schnell auf der Passhöhe angehalten, den Helm abgenommen und das erste Passfoto gemacht. Die steile Ostrampe hinunter ins Engadin und hinauf nach La Punt. Dort wollte ich zum Albulapass rechts abbiegen, aber eine Strassensperre liess mich nicht abbiegen. Was war den hier los? Ein junger Kerl musste mir Auskunft geben. Eine Sportveranstaltung? Und deswegen sperren die gleich? Bis um 14 Uhr? In Bergün wäre die Strecke geperrt, ein Durchkommen wäre nicht möglich. Aber der Albulapass ist dann zu erreichen?

Albula Pass, 9:12 h

Albula Pass, 9:12 h

OK, dann nehme ich wenigstens den mit. Und schon war ich dabei, ohne Verkehr den Pass hinaufzubügeln. Die Sperrung bedeutete, dass ich meine Runde über Tiefencastel nicht fortsetzen und den Julierpass nur über den Umweg über St. Moritz erreichen konnte. Ärgerlich, denn das bedeutete mehr Strecke und einen erheblichen Zeitverlust. Ich grübelte…Ein geplanter Bonuspunkt wäre in Bergün, da wo die Sperrung sich befinden sollte. Es war ein Kombipunkt, der bei Besuch eines zweiten Punktes viele Extrapunkte liefert. Sollte ich es riskieren und den Pass bis Bergün wieder runterfahren? Ich wusste die Strasse ist im schlechten Zustand und sehr kurvig, hier könnte ich sehr viel Zeit verlieren. Na gut, no risk, no fun. 500m vor Bergün gab es eine Strassensperrung und ich bequatschte wieder einen jungen Kerl, der mich nicht durchlassen wollte. Ich müsste nur kurz ins Dorf und dann wäre ich gleich wieder zurück. Unmöglich, es findet gerade ein Marathon statt und die Läufer würden jeden Moment eintreffen.

Man glaubt gar nicht, was man für eine Überzeugungskraft entwickeln kann, wenn man der Verzweiflung nahe ist. Ich bequatsche den Kerl so lange, bis er mich durchfahren ließ. Es war ja nur 1 km bis zum Bonuspunkt, einer alten Lokomotive am Bahnhof von Bergün. Ich erreichte das Dorf und stand vor einer Absperrung mit rot-weißen Bändern. Ratlos. Da hob ein Zuschauer die Bänder hoch und winkte mich durch. Dankeschön! Ich folgte dem Navi auf dem Kopfsteinpflaster auf der alten Dorfstraße, die von den Absperrbändern und von Zuschauern gesäumt war. Plötzlich wurde mir bewußt, dass ich mich auf dem Wettbewerbsparcour befand! Au Weia! Was jetzt?? Eine andere Möglichkeit zum Ziel gab es nicht! Also cool bleiben und weiterfahren (schluck). Es waren ja nur noch 400 m bis zum Ziel.

Bergün, mitten im härtesten Bergmarathon Europas. Da muss man durch!

Bergün, mitten im härtesten Bergmarathon Europas. Da muss man durch!

Alle schauten in die Richtung, in die ich fuhr, warteten die auf etwas? Plötzlich drehte sich ein Ordner um und sah mich. Wild mit den Armen rudernd und brüllend stellte er sich mir in den Weg. OK, ich hab’s verstanden. Ich bog in eine Einfahrt ein (unter den Absperrbändern) und stellte die BMW ab. Und nun? Aufgeben ist nicht! Dann muss ich eben zu Fuß weiter! Es waren ja nur 300 Meter. Aber: Zwischen Absprerrung und den Häuserwänden war fast kein Platz und da waren lauter Zuschauer! Das wurde echt mühsam! Über die Lautsprecherdurchsagen wurde mir bewußt, was hier abging: Ich war mitten beim härtesten Bergmarathon, dem 78 km langen Swissalpine. Und da kamen auch schon die ersten Läufer ums Eck gebogen! Um ein Haar wäre ich denen entgegengekommen. Der Lautsprecher quäkte was von „ab jetzt gehört Bergün den Läufern!“. Es wurden mehrere Tausend Läufer und Zuschauer erwartet, und ich mittendrin! Endlich gelangte ich zum Bahnhof. Gerade fuhr ein Zug ein, der Hunderte von buntgekleideten Zuschauern ausspuckte. Die Lokomotive war schnell gefunden und photographiert. Jetzt aber schnell, bevor alles mit Läufern verstopft war! Ich drängelte mich wieder zur Maschine zurück und packte schnell alles zusammen. Ich bat einige Zuschauer die Absperrbänder hochzuheben und – schwupp – war ich wieder auf dem Parcour und versuchte wichtig dreinblickend möglichst wie die Motorradbegleiter auf der Tour de France auszusehen. So tuckerte ich wieder die Dorfstrasse hoch und machte mich flugs aus dem Staub! Puh! Die Sache hatte mich viel Zeit gekostet, aber ich hatte die Punkte im Sack! Ich düste ohne Gegenverkehr den Albula hinauf und wieder ins Engadin hinunter und machte mich auf nach St. Moritz. Langsam erwachte die Schweiz und durch St. Moritz war zum erstenmal so etwas wie Verkehr zu beobachten. Vorbei am Silvaplana See und hoch zum Julierpass.

Zweimal am Julierpass. Einmal um 10:25 h mit Helm Trottel!), einmal um 10:30 h ohne.

Zweimal am Julierpass. Einmal um 10:25 h mit Helm (Trottel!), einmal um 10:30 h ohne.

Dort vor dem Paßschild die BMW aufgebaut und die Kamera gezückt. Ich quatschte ein paar Italiener an und bat sie, ein Foto von mir zu machen. Danke, eingepackt und wieder den Pass runter. Nach zwei Kilometern kam ich ins Grübeln….irgendwas hatte nicht gestimmt, aber was? Hmmmm…Mensch! Ich hatte auf dem Foto den Helm aufgelassen! Angehalten, Foto kontrolliert, fluchend umgedreht und den Pass wieder hochgeblasen, wieder die BMW abgestellt und die verdutzten Italiener um ein zweites Foto gebeten. Oh Mann! Immerhin hatte ich es noch gemerkt. Unten in St. Moritz bog ich zum Berninapass nach Süden ab. Das Wetter war prima, wurde aber immer schlechter. Die Paßstrasse ist gut ausgebautund flugs ist man auf der Passhöhe. Kurz davor wurde es sehr dunkel und es fing zu regnen an. Was war das denn? Kurz darauf war ich schon auf der Passhöhe und versuchte gleich, die kleine Kamera wieder so auf dem Tankrucksack aufzubauen, dass ich ein Selbstauslöserbild machen konnte.

Sturzbach am Bernina (nicht sichtbar), 11:00 h

Sturzbach am Bernina (nicht sichtbar), 11:00 h

Aber jetzt regnete es! Ich versuchte mit der Regenhülle eine kleine Überdachung zu bauen um die Kamera zu schützen. Wenn sie wegen Feuchtigkeit die Funktion einstellen würde, wäre die Rally beendet. Während ich noch herumfummelte und verwackelte Probefotos schoß, steigerte sich der Regen zu einem Wolkenbruch, der sich gewaschen hatte! Als die Kamera endlich in Position war, musste ich zum Passschild spinten und den Helm abnehmen – mitten im schlimmsten Platzregen! Wann löst die Kamera endlich aus? Und gleich wieder den Helm auf, zusammengepackt und den Pass hinuntergezuckelt, eingekeilt zwischen Autos, die ich mich wegen der Sturzbäche, die da herunterkamen, nicht zu überholen traute. Das Wasser lief in Strömen die Passstrasse hinunter und ich versuchte, mich nicht abzulegen. Bald war der Abzweig zum nächsten Pass erreicht und langsam ließ diese Sintflut wieder etwas nach. Der Forcola di Livigno bildet den Grenzübergang nach Italien und nach dem Foto auf dem Pass fuhr ich nach Livigno hinunter, um dort für einen Abstecher nach Süden abzudrehen.

Passo Foscagno, 11:49 h. Steife Brise von rechts. Oder woher hätte ich sonst den Seitenscheitel?

Passo Foscagno, 11:49 h. Steife Brise von rechts. Oder woher hätte ich sonst den Seitenscheitel?

Es ging hinauf zum Passo Eira, wo ich den Frank traf, den ich gleich darauf am Passo Foscagno wieder sah. Wir machten gegenseitig Fotos und ich nutzte den Stopp für ein kurzes Päuschen. Schnell einen Schokoriegel runtergewürgt und versucht, diesesmal die italienischen Wiesen zu düngen, was bei Windsträrke 5 gar nicht so einfach ist. Auf die BMW und wieder runter nach Livigno. Im zollfreien Gebiet von Livigno ist der Sprit besonders günstig und ich war mir nicht sicher, wie viele Tankstellen nach dem Ofenpass zu finden waren. Also beschloss ich in Livigno zu tanken, sicher ist sicher. Einen kleinen Happen gegessen und getrunken und weiter gings zum Tunnel Munta Schera, der das Zollbegiet mit der Schweiz verbindet. Aber erst brav Maut bezahlen und warten, bis die Ampel auf Grün springt. Gleich alle Chopper überholt, die im Weg standen und durch den einspurigen Tunnel gebrummt. Auf der Schweizer Seite war es wieder etwas feuchter und ein runderer Fahrstil war gefragt. Nach einigen Kilometern war ich am Ofenpass und ab dort wurde das Wetter viel besser, ja bald wurde sogar die Strasse trocken und ich konnte ieder etwas strenger am Kabel ziehen. Auf einmal war die Strasse mit einer Ölspur übersäht, und das nicht nur ein bißchen, nein, über 10 km hieß es verdammt aufpassen, um die Ölflecken zu vermeiden. Schließlich bog ich in das Tal zum Stilfser Joch ein und die Wolkendecke riss auf und ein strahlend blauer Himmel empfing mich. Als ob nichts gewesen wäre. Da macht es gleich noch mehr Spass. Der nächste Bonuspunkt sollte in Stilfs liegen und ich folgte den Navi, das anscheinend eine Abkürzung nehmen wollte. Die Strasse wurde enger und immer enger, schließlich hörte der Asphalt auf und es ging steil nach oben. Kurz darauf verwandelte sich der Fahrweg in einen Pfad. Da wurde es mir zu bunt und ich versuchte fluchend im steilen Gelände die BMW zu wenden. Ein schönes Beispiel für die Schwächen des GPS.

Stilfs, 13:31 h. Eine der steilsten Strecken im Alpenraum. Man merke sich die Position der Rallyflag.

Stilfs, 13:31 h. Eine der steilsten Strecken im Alpenraum. Man merke sich die Position der Rallyflag.

Über die normale Strasse gelangte ich ins das Dorf Stilfs und fand schließlich den Bonuspunkt, ein Verkehrsschild welches ein 40 %iges Gefälle anzeigt. Wie nimmt man das auf? Na ja, die Rallyflag auf den Boden legen und knipsen. Foto gecheckt, eingepackt und wieder los, als nächster Punkt wartete das Stilfser Joch auf mich. Ich genoss die Kurven und beliess es bei einer gemäßigten Geschwindigkeit, denn der Zusatztank erhöht den Schwerpunkt und macht so das Handling schlechter. Aber es geht ja nicht um den perfekten Kurvengenuß, sondern um die Langstreckentauglichkeit, und da heisst es in den Kurven etwas Gas zurückzunehmen und auf den Geraden mehr zu Gas geben. So fuhr ich für meine Verhältnisse relativ gemütlich das Stilfser Joch hinauf und überlegte, wann ich am besten die halbstündige, freiwillige Pause einlegen könnte, die für ein paar Extrapunkte gut sein sollte. Unterwegs überholte ich natürlich trotzdem haufenweise Fahrzeuge, die sich den Pass hinaufquälten und durch grausame Kurventechnik mein MIßfallen erregten. Schließlich kam ich oben an und stellte meine BMW vor dem Passschild ab. Zufrieden öffnete ich den Tankruck, um die Rallyflag herauszunehmen und….WO WAR DIE FLAG??? Das Blut gefrierte in meinen Adern. Die Flag war weg! Was war passiert? Langsam dämmerte es mir: Ich hatte sie am letzten Bonuspunkt liegen gelassen! Na klar, auf die Kamera gekuckt und vergessen die Flag einzusammeln. Die Flag musste her, sonst war die Rally beendet. Ich startete und flog den Pass wieder hinunter, voller Sorge, dass die Flag verschwunden war, weggeweht, mitgenommen oder sonst was. Das gemütliche Fahren war vorbei, plötzlich standen die Dinge ganz anders. Entweder war die Flag weg – dann konnte ich gleich die Rally abbrechen – oder ich bekam sie wieder, aber dann war mein Zeitplan total im Eimer. Tolle Aussichten! Die Gummikuh lernte fliegen. Mistmistmist! Und hatte die ganze Zeit so gut auf die Flag aufgepasst! Aber das Problem beginnt, wenn man die Flag vom Fahrzeug entfernt und vergisst, sie wieder einzusammeln. Ich landete wieder in Stilfs und fand dort Hans vor, der vor seiner XBR500 gerade gemütlich ein Zigarette paffte. Da lag die Flag! Hocherfreut packte ich sie ein, wechselte noch ein paar aufmunternde Worte mit Hans und machte mich auf, um den Pass ein zweites Mal hinaufzufahren. Jetzt war Schluss mit lustig. Vom gemütlichem Rallymodus schaltete ich auf Herbrennmodus, also so wie ich normalerweise den Pass auskosten wurde.

Stilsfer Joch, 14:44 h. Die Nordrampe zweimal hoch und einmal runter gefahren.

Stilsfer Joch, 14:44 h. Die Nordrampe zweimal hoch und einmal runter gefahren.

So wurde meine schlechte Stimmung durch den Fahrspass gemildert und die verlorene Zeit hatte noch ihr gutes. Kurz vor dem Pass überholte ich Gerald aus UK und wir machten gegenseitig Fotos von Passschild. Ich hatte mit dem Vergessen der Flag 45 Minuten Verspätung eingefahren!! Das bedeutete, das die geplante Pause zu vergessen war und auch sonst dämmerte es mir, dass die Südroute mit der Rückkehr über das Timmelsjoch eine knappe Angelegenheit werden würde. Es galt also keine Zeit zu verlieren und rückwirkend betrachtet lässt sich sagen, dass dies sogar einen Vorteil hatte: Es hielt die Spannung aufrecht und die Konzentration hoch. Gerald und ich fuhren zum Umbrailpass runter und spielten wieder das gleiche ‚KannstDumaleinFotovonmirmachen‘ Spiel. Da ich an meiner Technik bei den Bonuspunktstopps gefeilt hatte, war ich schon wieder unterwegs, bevor Gerald zusammengepackt hatte. In flotten Serpentinen ging es hinunter nach Bormio, um gleich wieder in Richtung Gaviapass abzubiegen. Auf dem Weg zum Pass musste ich zum nächsten Bonuspunkt für einen Abstecher links abbiegen. Die Strasse wurde immer schmäler und am Ende war sogar etwas Schotter dabei. Am Ende der Straße galt es ein Schild zu fotographieren und wieder zurückzuhoppeln und die Auffahrt zum Gavia weiter hinauf zu fahren.

Gavia Pass, 15:56 h. Pause fällt leider aus.

Gavia Pass, 15:56 h. Pause fällt leider aus.

Oben am Pass gab es wieder das obligatorische Foto und dann ging es schon weiter die Südrampe hinunter, einer der spektakulärsten Abfahrten der ganzen Alpen. Der Ausblick ist großartig, aber dafür hat man kaum Zeit, denn die Strasse ist nur gut einspurig und man muss enorm aufpassen, nicht von einem Auto oder Kleinbus übersehen zu werden. Jedesmal, wenn ich an der Stelle vorbeifahre, muss ich immer an die Szene während der XBR Alpentour 2005 denken. Ich zitiere mal meinen Bericht von damals: „Die Abfahrt nach Süden ist immer wieder spektakulär, der Blick ins steil abfallende Tal und die schmale, nur einspurige Straße ohne Randsicherung. Bei vorausschauendem englischen Fahrstil kann man trotzdem flott unterwegs sein, wenn man den Abgrund neben sich gedanklich einfach ausblendet. Auch hier gilt wie immer: Nur nicht hinsehen! Harri und Ralf folgten meiner wilden Hatz runter ins Tal, da plötzlich tauchte aus einem Baumschatten ein Fiat Panda auf, als ob er aus einem Wurmloch einer anderen Dimension flüchtete. Ein Panda ist normalerweise ein schmales Fahrzeug, aber bei 3 m Fahrbahnbreite wurde er auf einmal sehr, sehr breit, besonders wenn man mit 80 km/h auf ihn zustürzt. Es half in diesem Augenblick nur noch die ZEN-Schlüpftechnik: Sich auf den schmalen Spalt zwischen Auto und Hangmauer konzentrieren und denken:“Ich bin ganz schmal, meine breiten Koffer sind ganz schmal und der Panda ist nicht wirklich, sondern nur eine Illusion.“
Das Unterbewusstsein wartete inzwischen auf den Knall eines sich in Sekundenbruchteilen atomisierenden Motorradkoffers – der aber ausblieb. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Das Adrenalin ebbte dann im Verlauf der weiteren Abfahrt wieder ab.

Bald darauf war ich am Abzweiger zum Tonale und genoss es, auf der gut ausgebauten Strasse wieder etwas flotter unterwegs zu sein. Ein paar Minuten später machte ich das Foto am Tonale Pass und war froh über das schöne Wetter. Ich wusste, jetzt kommt die flüssige Abfahrt in Richtung Mendelpass, das galt es zu nutzen, denn meine Berechnungen machten mir immer deutlicher, dass meiner Planung langsam der Puffer ausging. Ich hatte mir überlegt, dass ich um 18 h am Gampenjoch sein musste, um noch das Timmelsjoch schaffen zu können, denn ein Tankstopp würde auch noch einzulegen sein. Also liess ich es laufen, das machte Spass! Ich hatte die nächsten vier Punkte mit Endziel Gampenjoch eingegeben, um eine Vorstellung zu bekommen, ob ich rechtzeitig um 18 h dort sein würde. Hmmm, ich fuhr sehr engagiert, aber die berechnete Ankunftszeit wanderte immer weiter nach hinten. Ich beschloss, den ersten Punkt (Brezer Joch) erstmal links liegen zu lassen und direkt zum Mendelpass und dem Penegal. Dort fuhr ich als erstes hin, vom Mendelpass aus gehen die engen Serpentinen hinauf zum Aussichtspunkt neben dem Hotel Penegal. Von dort hat man einen herrlichen Ausblick über das Etschtal, dafür war aber keine Zeit, außerdem war ich dort schon oft gestanden. Ich machte wie verlangt ein Foto vom Hoteleingang und beschloss eine kurze Trink- und Snackpause und das weitere Vorgehen mir genauer zu überlegen. Es war jetzt 17:40 und ich hatte noch drei Punkte vor mir, einmal tanken und dann sollte ich über das Timmelsjoch um dann im Ötztal vor 20 h noch durch die Mautstelle. War das zu schaffen?? Das Navi sagte 138 km und 2 h 29 min. Außerdem musste ich noch einmal tanken, das würde mich im günstigsten Fall nochmal 8 Minuten kosten. Plus nochmal 8 Minuten wegen vier Stopps mit Foto. Das heißt, ich würde zwischen 20:25 und 20:30 am Mauthäuschen ankommen…und dann vor geschlossenen Schranken stehen! ……Mist! Und alles wegen dem Vergessen der Flag!

Mendelpass, 17:56 h. Ich sehe etwas angefressen aus, was kein Wunder ist, da ich gerade meinen Masterplan aufgegeben hatte.

Mendelpass, 17:56 h. Ich sehe etwas angefressen aus, was kein Wunder ist, da ich gerade meinen Masterplan aufgegeben hatte.

Und jetzt? Na ja, es hilft nichts, wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Dann musste ich einfach über den Reschenpass ins Inntal. Plötzlich viel die ganze Anspannung von mir ab. Ich war zwar etwas enttäuscht, konnte aber fühlen wie sich eine wohltuende Entspannung in mir breitmachte. Ich fuhr hinunter zum Mendelpass (Foto) und weiter zum Brezer Joch (Foto), wieder zum drittenmal durch Fondo und weiter hoch zum Gampenjoch, wo ich um 18:45 h ankam, eine dreiviertel Stunde später wie geplant. Zurückblickend scheint die Routenwahl um Fondo etwas konfus aus, als ob ich wirr hin- und hergefahren wäre, was aber an den gestroffenen Entscheidungen liegt. Es war Samstagabend und auf den Strassen war nichts los. Die Strecke runter vom Gampenjoch ist immer wieder ein Genuss und ich genoss die Kurven. Unterwegs war ich am Grübeln. Und wenn ich trotzdem das Timmelsjoch hochfahre? Ich müsste halt wieder runterfahren und dann über den Brenner weiter nach Innsbruck. Die fetten Punkte sollte ich mir schon holen. Na gut, ich mach’s. Aber erst noch tanken. Das war gar nicht so einfach, die Tankstellen waren alle zu. In Meran fand ich eine Tankstelle, die wenigstens über einen Zahlautomaten verfügte. Ich jubelte wieder über 35 Liter in die BMW und hoffte, das der Apparat mir eine Quittung ausspucken würde. Er tat es, zu meiner grossen Erleichterung. Ich bog ins Passeiertal ein und liess es nicht zu sportlich angehen, denn dort gibt es viele Geschwindigkeitsbeschränkungen und durchgezogenen Linien. Und Carabinieri. In St. Leonhard wurde dann zum Halali geblasen, die Auffahrt zum Timmelsjoch stand an. Na ja, wenn es nur bis zur Passhöhe reichte und ich dann wieder umdrehen und zurückfahren müsste…..let’s have some fun! Es war kein Verkehr und so kam ich gut voran. Ich grübelte, als ich an einem Schild vorbeifuhr, auf dem ich „Letzte Auffahrt 20:00 Uhr“ las. Wenn man noch bis 8 Uhr rausfahren kann, dann müssten sie auf der anderen Seite an der Mautstelle doch warten, bis die letzten durchgefahren waren. Plötzlich kam noch ein Schild: „In 2000 m Sperre ab 20 h“. Ich sah auf die Uhr: Es war 19:58 h. Huch! Konnte ich am Ende gar nicht die Passhöhe erreichen? Aber das sollte doch noch reichen! Sollte. Wenn auf einmal lauter Serpentinen auftauchen: Nein. Sollte das jetzt im Fiasko enden?

Timmelsjoch, 20:06 h. Ich hatte es tatsächlich bis zur Passhöhe geschafft! Aber würde ich auch noch durch Mautstelle kommen?

Timmelsjoch, 20:06 h. Ich hatte es tatsächlich bis zur Passhöhe geschafft! Aber würde ich auch noch durch Mautstelle kommen?

Um 20:02 passierte ich die offene Schranke, aber ich wusste, das kurz vor der Passhöhe ein Tunnel war, der mit großen Türen im Winter verschlossen ist. Und jetzt? Der Tunnel war offen. Und da war auch schon das Passschild in Sicht. Super! Das hatte ich schon mal in der Tasche. Es war jetzt 20:06…sollte ich es wagen und bis zur Mautstelle runterfahren? Wie weit war das denn? Hmmm…nur ca. 7 km…Na, so viel ist das nicht, das kann man immer schnell zurückfahren. Vielleicht passiert ja noch ein Wunder und ich komme noch durch, zur Not auch ohne Ticket und somit ohne Bonuspunkte. Ich gab der BMW die Sporen und rauschte die gut ausgebaute Nordrampe hinunter. Um 20:16 h erreichte ich die Mautstelle. Spannung pur. Komme ich noch durch? Im Kassenhaus saß noch ein Mann und zählte gerade das Kassengeld. Au weia! War ich zu spät? Der Kassierer unterbrach nach einer Weile das Zählen, wendete sich mir geschäftsmäßig zu und verlangte die 13 Euro Maut. Ich rückte das Geld raus und auf einmal viel die Spannung, die sich wieder aufgebaut hatte, die mich den halben Tag begleitet hatte, von mir ab und verwandelte sich in Euphorie. Ich hatte es tatsächlich geschafft!!! Der Monster-Masterplan hatte funktioniert! Ich war auf einem Superweg! Man merkt, wenn es gut läuft. Jetzt lag erstmal das Ötztal vor mir. Es hatte geregnet und die Strasse war stellenweise nass. Normalerweise Laserpistolenverseucht, waren nun keine Fahrzeuge mehr unterwegs, es fing langsam zu dämmern, da war wahrscheinlich keine Gefahr mehr zu erwarten. Aber man weiss ja nie. Die Tiroler Landeskasse kann ja schließlich jeden Euro gut gebrauchen. In Sölden näherte ich mich einem vorausfahrenden Motorrad. Mit britischer Nummer. Und darunter steht „Ironbutt UK“. Ich überhole langsam und staunte: Das waren Kevin und Lynn! Ich grüßte artig, fuhr brav mit 56 km/h weiter durch den Ort und ließ es dann wieder laufen. Es fing langsam zu dämmern an. Ich konnte in Richtung Inntal und darüber hinaus blicken. Dort standen dunkle, tiefschwarze Wolken und es blitzte ganz ordentlich. Das half mir bei der Entscheidung, wie die Route weitergehen sollte. Es sollte also nicht „Totaler Wahnsinn Ultra“, sondern „nur Super-Crazy“ werden. Eine sehr weise Entscheidung, denn der Plan wäre gewesen, von Innsbruck aus die Inntalautobahn bis zum Arlberg zu fahren und durch die Berge über den Plansee bis Mittenwald weiterzufahren. Was ich aber später hörte war das alles andere als spaßig, sich im Finstern über kleine Passstraßen durch Gewitter zu quälen. Ich fuhr also hinauf zum Kühtai, das letzte Tageslicht auskostend. Da die Strasse noch etwas nass war, nur mit angezogener Handbremse. An der Dortmunder Hütte sackte ich noch den nächsten Bonuspunkt ein. Alles wass jetzt kam , war gewissermassen Zugabe. Ich hatte den wichtigsten Teil hinter mir und nur noch zehn Stunden vor mir, davon 2 Stunden Ruhepause.

Kühtai Sattel, 21:22 h. Dem Namen entsprechend, wollten die Kühe auch auf das Bild.

Kühtai Sattel, 21:22 h. Dem Namen entsprechend, wollten die Kühe auch auf das Bild.

Ein paar Kilometer weiter war ich bereits am Kühtaisattel und versuchte während der folgenden 4 Minuten, ein Foto von mir und dem Passchild zu machen. Einige Kühe wollten partout auf mit aufs Bild und liessen sich auch nicht durch die dauernde Blitzerei anschrecken. Endlich hatte ich ein pasables Bild gemacht und konnte wieder weiter. Ich nahm erfreut zur Kenntnis, dass sich meine Investion in mehr Leuchtmittel gelohnt hatte. Vorne steckten nun je 100 W Birnen und zusätzlich hatte ich noch einen 55 W Zusatzstrahler montiert. Jetzt war das kein totaler Blindflug mehr sondern ich konnte einigermassen erraten wo die kurvige Strasse runter nach Innsbruck hinführte. Ich hatte den Bonuspunkt in Innsbruck mitzunehmen. Er brachte zwar nicht viele Punkte, aber es gab noch zwei  Gründe dafür: Auf dem weiteren Weg nach München über Mittenwald würde es benzintechnisch sehr mau aussehen, da praktische alle Tankstellen nachts geschlossen sind. Also lieber auf Nummer sicher gehen und noch einmal ordentlich volltanken. Außerdem War ich seit 16 Stunden im Sattel und hatte noch keine Pause gemacht, wenn man von dem Absteigen und Foto schiessen und dem zweimaligen Tanken einmal absieht. Also schnell zum Bonuspunkt und dann hatte ich mir eine Pause verdient. Das Problem war nur, dass ich zwar am richtigen Ort war, aber etwas verwirrt in der Gegend herumsuchte, da ich das Tor auf dem Foto nicht finden konnte. Langsam dämmerte es mir, dass das Tor neu gestrichen war und ich es deswegen nicht gleich erkannt hatte. Auf dem Weg aus der Stadt blieb ich bei einer Tankstelle stehen und füllte meine beiden Tanks mit Benzin und meinen Magen mit Sandwiches und Wasser. Als ich wieder fahrfertig war, schüttete es plötzlich wie aus Eimer. Aha, das befürchtete schlechte Wetter hatte mich doch noch eingeholt. Wenigstens konnte ich im Trockenen bequem den Regenkombi anziehen. Der Platzregen erwartete mich schon. Ich tastete mich aus Innsbruck und fuhr ein kurzes Stück auf der Autobahn in Richtung Westen und weiter auf der Landstrasse den Zirler Berg hoch. Die Sicht war so bescheiden, dass ich überrascht war, als plötzlich das Restaurant and der Kehre aus der Regenwand auftauchte. Die paar Autos, die unterwegs waren hielten ziemlich auf, denn das Überholen war auf der kurvigen, dunklen und verregneten Strecke mit Vorsicht zu geniessen. Ab der deutschen Grenze war die Strasse ausgebauter und stressfreier zu befahren.

Mittenwald, 23:15 h. Dunkelheit, Regen, aber gut unterwegs.

Mittenwald, 23:15 h. Dunkelheit, Regen, aber gut unterwegs.

Ich lief ich verschlafenen Mittenwald ein, den Zentrum der Instrumentenbauerkunst. Passenderweise war dort eine Skulptur einer Bassgeige zu fotographieren. Der Regen ließ etwas nach und war bereits im Zeitfenster für die obligatorische Zwangspause von zwei Stunden. Ich grübelte die ganze Zeit, wo ich sie am besten einlegen konnte. Offene Tankstellen waren rar und auf der Autobahwürde n nach München war genau eine Raststätte und ich bezweifelte, ob die noch offen war. In Garmisch kam ich dann tatsächlich an einer Tankstelle vorbei, aber das war mir noch zu früh. Im schlimmsten Fall konnte ich erst in München mit der Pause rechnen, aber das würde immer noch im Zeitfenster liegen. In Garmisch musste ich noch eine Lokomotive fotographieren, die mir wegen des erfolgreichen Fotos in Bergün einen satten „Lokomotiven-Bonus“ für das Besuchen der beiden Orte einbrachte. Ein paar Kilometer weiter musste ich in Richtung Ettal abbiegen und die kurze, aber kurvige Strasse hinauf zum Ettaler Sattel kurven. Dort musste ich das letzte „Passfoto“ der Rally schiessen (auf 869 m). Und Helm abnehmen nicht vergessen, bisher hatte das ganz gut geklappt. Es ging wieder runter nach Oberau und bald darauf auf die A95 in Richtung München. Der hatte endlich aufgehört und freie Fahrt war angesagt. Wie erwartet war die Raststätte bei Höhenrain dicht, jetztz hieß es die Pause zu planen. Ich überlegte, wo in München der beste Platz dafür wäre. Der erste Bonuspunkt wäre am Promenadenplatz, also mittem im westlichen Zentrum. Wo hatte jetzt noch eine Tankstelle offen? Das einzige, was auf dem Weg lag, waren die Tankstellen am Mittleren Ring, da sollten immer ein paar 24 h geöffnet sein. Und so war es dann auch. Ich stellte die BMW ab und stürzte gleich an die Kasse, denn die Uhrzeit des Kassenbons war der Beginn der Ruhepause.

Orlando di Lasso Denkmal, München, 3:04 h. Die Profanisierung des Andenkens des größten Komponisten seiner Zeit. Und ich meine nicht M. Jackson!

Orlando di Lasso Denkmal, München, 3:04 h. Die Profanierung des Andenkens des größten Komponisten seiner Zeit. Und ich meine nicht M. Jackson!

Danach konnte ich es ruhig angehen lassen. Leider war keine Sitz- oder Liegegelegenheit vorhanden und so musste ich meine zwei Stunden am Stehtisch rumbringen. Aber ich war fit und nicht müde und etwas die Beine ausstrecken schadete nicht. Ich brachte meine Papiere in Ordnung, aß noch etwas, füllte Motoröl auf und plante den Rest der Rally. Mir wurde bewusst, dass ich einen kleinen Fehler gemacht hatte: Sollte ich wie geplant über Ingolstadt und Stuttgat zurückfahren, müsste ich noch einmal tanken. Ich hätte dies vor der Pause an der Tankstelle machen sollen, denn während der Pause durfte ich das nicht. Mist, das bedeutete, dass ich noch einmal tanken musste, an besten auf der Autobahn kurz vor Ingolstadt. Es sollte aber trotzdem leicht möglich sein, den „Super Crazy“ plan durchzuziehen.  Kurz vor 1 Uhr durfte ich wieder los. Ich fuhr vor das Hotel „Vier Jahreszeiten“ um am Orlando di Lasso Denkmal die vielen Michael Jackson Devotionalien zu fotographieren. Den entsprechenden Kombi-Bonuspunkt im Vinschgau hatte ich links liegen lassen müssen, alles geht dann doch nicht.

BMW Museum, München 3:17 h. A sort of homecoming.

BMW Museum, München 3:17 h. A sort of homecoming.

Der nächste Punkt war im Münchner Norden: Das BMW Museum an der BMW Zentrale. Jetzt schnell zur Autobahn und den Hahn auf. Unterwegs überholte ich einen anderen Fahrer aus der Rally und grüßte artig. Kurz darauf wurde ich von ihm auf der linken Spur links mit Karacho mit praktisch keinem Abstand überholt. Was war denn das für ein Blödsinn??? Rallykoller? Ich schüttelte den Kopf und fuhr an der Raststätte Holledau raus, um zum dritten und letzten Mal zu tanken. Bald darauf hatte ich Ingolstadt erreicht. Ich fuhr ab und hatte nach ein paar Minuten den nächsten Punkt erreicht: Der Audi Hauptsitz in Ingolstadt. Es war jetzt 10 nach 4 und ich hatte noch vier Stunden Zeit, um den Rest meiner Route abzuspulen. Ich wollte über Landstrassen bis nach Stuttgart und von dort über die Autobahn zum Aichelberg zurück. Es blieben noch knapp 260 km, das entsprach einem Schnitt von 65 km/h. Das sollte locker machbar sein. Ich pflügte auf der B16 in Richtung Donauwörth durch die Nacht. Eine gut ausgebaute Bundesstrasse und niemand unterwegs. Nach einer dreiviertel  Stunde kam ich zum nächsten Bonuspunkt, der neben der Strasse liegen sollte. Allerdings musste man dazu einmal über eine Brücke. Unterwegs sammelte ich einen anderen Rallyfahrer auf, der sich total verfahren hatte und geleitete ihn zum Gedenkstein für eine Schlacht des Spanischen Erbfolgekrieges. Und weiter. Es lief ganz gut, aber ab Höchstädt wurde die Strecke etwas kurviger. Ich merkte langsam, dass es mir schwerer fiel, mich auf den Strassenverlauf zu konzentrieren. Selbstreflexion ist ein wichtiger Teil von sicherem Motorradfahren, Bernt Spiegel lässt grüßen. Müde war ich nicht, aber unter anderen Umständen hätte ich eine Schlafpause eingelegt. Ich überlegte: In einer halben Stunde würde es wieder hell werden, so lange müsste ich die Zähne zusammen beissen und mich voll konzentrieren. Sicherheitshalber reduzierte ich die Geschwindigkeit. Bald lief ich in Giengen an der Brenz ein und sackte den nächsten Bonuspunkt ein: Das Steiff Museum. Langsam wurde es hell und ich wurde wieder fit, meine kleine Rechnung ging also auf. Ich war am überlegen…noch 146 km und ich hatte noch 2 h 55 min Zeit. Es wäre möglich, eine Stunde früher am Ziel anzukommen und noch eine Stunde Pause einzulegen, das gäbe noch einmal satt extra Punkte. Wann man die zu freiwillige Pause zu machen hatte war nicht festgelegt und da war als Ziel die Tankstelle vor dem Aichelberg optimal, den die Tanktickets wären kein Problem. Allerdings müsste noch ein paar Minuten herausfahren, um auf der sicheren Seite zu sein. Es ging über die schwäbische Alp und ein paar Kurven waren noch zu geniessen. Kurz vor 6 Uhr morgens lief ich dann in Heubach ein. Dort sollte ich ein „Triumph Modell“ fotographieren, mit einer Burg im Hintergrund. Das gab einen Haufen Punkte. Ich kam am Punkt an …und war verwirrt. Ich sah weit und breit kein Motorrad.

"Suche das Triumph-Modell". Haha! Man beachte (wieder mal) die Position der Rallyflag.

Heubach 5:50 h. „Suche das Triumph-Modell“. Haha! Man beachte (wieder mal) die Position der Rallyflag.

Das im Hintergrund musste die Burg auf dem Berg sein, die musste mit aufs Bild. Da schweifte mein Blick über die Fasssade: Ein riesengroßes Plakat zeigte ein leichtbekleidetes Model und darüber stand…Triumph! Es ging also nicht um Motorräder, sondern dies war die Fabrik des gleichnamigen Unterwäscheherstellers. Gerhard, Du Schelm! Ich wusste nicht, wie ich die Flag mit aufs Bild bringen sollte und lehnte sie schließlich gegen den Hinterreifen. Geklickt, aufgesessen und weitergefahren. Nach 2 km fiel mir auf, dass der Tankrucksack offen war. Wieso? Hatte ich denn die Flag….? Mistmistmist! Jetzt hatte ich schon wieder die Flag vergessen! Umgedreht und zurückgebrummt. Da lag die Flag am Boden, ich hatte den gleichen Fehler wie am Stilfser Joch gemacht! Argh! Jetzt musste ich noch mehr hereinfahren. Ich war ganz gut auf dem Weg zum letzten Bonuspunkt in Stuttgart….da fing es zu regnen an. Ja, was war das denn? Ich kam in die Aussenbezirke von Stuttgart und musste einsehen, dass es keinen Sinn mehr machte, sich zu beeilen, um eine Stunde früher am Ziel zu sein. Bei der nassen und schlüpfrigen Strasse war eine sichere Ankunft die Priorität. Das Stadtgebiet machte ein flottes Vorankommen schwierig und so beschloss ich den Plan sausen zu lassen eine Stunde früher anzukommen.

Juan Fangio und ich. Mercedes Benz, Stuttgart, 6:39 h.

Juan Manuel Fangio und ich. Mercedes Benz, Stuttgart, 6:39 h.

Ich kam schließlich am Mercedes-Benz Stammsitz an und traf dort auf Steven. Wir machten gegenseitig Fotos von der Fangio Skulptur und jetzt hieß es nur noch am Ziel anzukommen. Es war 6:40 Uhr und ich hatte noch 90 Minuten und 47 km vor mir. Da sollte eine Ankunft in 30 Minuten doch möglich sein? Vielleicht. Aber mit den ganzen Geschwindigkeitsbeschränkungen…und dann gab es noch einen halben Wolkenbruch…nur die Ruhe…am Ende kam ich 55 Minuten vor Ende an der Tankstelle Gruibingen an, dem Ziel der Rally. Noch schnell einen Tankbeleg holen und ein Zielfoto mit Frank machen. Nach 22 Stunden 55 Minuten Fahrzeit und 1594 Kilometern.

7:20 h. Ankunft am Ziel, Foto mit Co-Rallymaster Frank.

7:20 h. Ankunft am Ziel, Foto mit Co-Rallymaster Frank.

Nach und nach trafen immer mehr Fahrer ein und es gab die üblichen Benzingespräche. Am Ende war alles prima gelaufen und ich hatte ein gutes Gefühl. Es hätte natürlich noch mehr sein können, hier und da wären noch ein paar Punkte mehr drin gewesen, aber unter den Umständen….zwei die Flag vergessen ist schon hart. Und unter diesen Umständen hatte ich doch Glück gehabt, dass es noch so gut verlaufen war. Ich fuhr zurück zum Hotel und machte auf meinem Zimmer die Schlussabrechnung und die Vorbereitung des Scorings. GBR2012 trackIch hatte meine Papiere schnell zusammen, denn ich hatte ja in der Pause schon einiges vorbereitet. Wichtig! Erst die Fotos auf den Laptop kopieren, überprüfen, und erst dann die überflüssigen Bilder aus der Kamera löschen. Beim Zusammenzählen wurde mir bewusst, dass ich eine sehr gute Rally gefahren war. Ich war in Bergün festgehangen und hatte das Stilfser Joch zweimal befahren, hatte aber sonst meinen Plan gut durchgezogen. Und war auch noch fast eine Stunde zu früh angekommen. Im optimalen Fall hätte ich sogar noch zwei Stunden mehr Zeit gehabt. Das wäre dann tatsächlich der „Totale Wahnsinn Ultra“ gewesen. Aber auch so war ich sehr zufrieden, denn ich hatte immer die richtigen Entscheidungen getroffen, hoch gepokert und unnötige Risiken vermieden. Als ich aus dem Hotelzimmertreten wollte, rutschte mir das Notebook aus der Hand und fiel krachend flach auf den Boden. Nun war das Display endgültig kaputt &%“$§?!46!!!!. Ich schlurfte zum Hotel und war der erste bei Gerhard am Wertungstisch. Zu meiner Freude verlor ich beim Scoring keinen einzigen Punkt, alle meiene Belege und Fotos waren in Ordnung und wurden anerkannt. Am Ende sprangen 97548 Punkte raus. Das hörte sich nach viel an und ich hoffte, das dies wieder für einen Platz auf dem Treppchen reichen sollte. Aber da waren ja noch viele andere gute Fahrer unterwegs gewesen und 100% perfekt war mein Ritt nicht gewesen, auch wenn ich 93,9 % der geplanten Punkte des sehr ehrgeizigen Plans eingefahren hatte. Ich konnte also ganz entspannt zum Frühstücken traf. Dort wurde natürlich schon fleissig Benzin gequatscht, denn jeder hat viel zu erzählen. Hampe erzählte die Geschichte seiner Varadero, die am Vortag der Rally mitten in Stuttgart abgebrannt war.

Hampe hatte am Vortag er Rally seinem Moped ordentlich eingeheizt - aber Haltung bewahrt und mit eienm von MOTORRAD organisiertem Bike die Rally beendet.

Hampe hatte am Vortag der Rally seinem Moped ordentlich eingeheizt – aber Haltung bewahrt und mit einem von MOTORRAD organisiertem Bike die Rally beendet.

Er tat das so unterhaltsam und mit viel schwarzem Humor, dass die Anwesenden vor Lachen fast unter dem Tisch lagen, auch wenn die Angelegenheit eigentlich sehr ernst war. Der beste Spruch: ‚as a well known Minster of Overseas Development once stated: „No need to be sentimental. Things explode every day.‘

Nach dem Frühstück kehrte ich zum Zimmer zurück und genoss die heiße Dusche und etwas auf dem Bett auszuruhen. Schließlich war es Zeit für die Siegerehrung. Der kleine Saal war gerammelt voll. Spannung. 29 Fahrer waren in der Wertung und ausgerechnet Benny, den ich weit vorne erwartet hatte, war tragischer Letzter! Er hatte seine Fotos nicht zwischengesichert und aus versehen gelöscht…nach und nach wurde ein nach dem anderen aufgerufen und ich wurde unruhig….die Punktzahl ging nur langsam nach oben, das sah gut aus, das sah gut aus! Besonders freute ich mich über den 7. Platz von Hans, der die XBR500 Fahne würdig vertreten hatte. Auf dem 4. Platz waren wieder mal Lynn und Kevin Weller, bereits zum dritten Mal in Serie! Das hieß auch: Hinauf auf das Treppchen! Frank, der Drittplazierte hatte knapp 87000 Punkte auf Platz 3. Marc hatte gut 89000 Punkte (Platz 2)….und das bedeutete, dass ich endlich wieder mal ganz oben stehen durfte!

Es wurde aber auch Zeit - Platz 1!

Es wurde aber auch Zeit – Platz 1!

Ich nahm die vielen herzlichen Glückwünsche entgegen und wusste, dass es noch eine Weile brauchen würde, bis ich mich so richtig darüber freuen konnte. Es braucht, bis man es erst richtig kapiert. Ich musste die Siegerrede halten und widmete im Stillen diesen Erfolg meinem Vater, der drei Wochen zuvor verstorben war. Für ihn wie später für mich waren die schweizer, österreicherischen und italienischen Alpenpässe die ersten Fernreiseziele mit dem Motorrad und ein erster Schritt in eine neue Freiheit. Sie waren auch Weg und Ziel unserer einzigen gemeinsamen Motorradreise. Insofern hatte sich also hier der Kreis geschlossen.

Nach einer Rast am Nachmittag gab es noch ein fröhliches gemeinsames Abendessen mit den zahlreichen britischen Freunden und am nächsten Tag ging es dann wieder nach Hause. Einen herzlichen Dank an Gerhard, Frank und das gesamte Rallyteam! Ihr habt wieder mal herausragendes geleistet! Es hat riesigen Spass gemacht und ich freue mich schon auf die neue Ausgabe der „European Road Runner“ Rally mit Homer Krout im September 2013. Übrigens, da bin ich auch Titelverteidiger, auch wenn es lange her ist 🙂

IMGP9243

2 Gedanken zu „German Butt Rally 2012

  1. robert, dieser bericht ist SUPER!!!! bist du sicher, erst um 6:10 gestartet zu sein? nicht doch schon um 5:10? nochmal: toller bericht!!! toitoitoi für deine weiteren projekte!!! lg karin

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